Boreout im Job: Was tun, wenn Unterforderung krank macht?
Hannes Jarisch
Hannes Jarisch | Autor & Karriere-Experte bei Glassdoor | 21. Dez. 2023
In jedem Job gibt es mal stressige und mal weniger arbeitsreiche Phasen, das ist ganz normal. Problematisch wird es dann, wenn über längere Zeit ein Zustand permanenter Über- oder Unterforderung vorherrscht. Im ersten Fall spricht man dann von einem möglichen „Burnout”, unbekannter ist hingegen ein „Boreout” im Job. Was man genau unter dem Boreout-Syndrom versteht, mit welchen Symptomen sich ein Boreout äußert und wie man ihn verhindern kann, lesen Sie hier.
Was versteht man unter dem Boreout-Syndrom?
Ein Boreout ist eine starke psychische Belastung oder sogar Krankheit. Der Begriff „Boreout” ist eine Zusammensetzung von „Burnout” und dem Wort „Boredom” (englisch für Langeweile).
Boreout ist das Gegenstück zum Burnout mit ganz ähnlichen Symptomen. Im Gegensatz zum Burnout, welcher durch Überforderung ausgelöst wird, wird Boreout jedoch durch Unterforderung und Langeweile ausgelöst. Interessant dabei: Boreout und Burnout sind Gegenstücke, sie äußern sich aber durch ganz ähnliche Symptome.
Sylvia Annett Bräuning, Transformationscoach
Betroffene Mitarbeiter:innen fühlen sich gestresst, müde und ziellos. Es ist daher oft auf den ersten Blick nicht offensichtlich, ob ein:e Angestellte:r unter Burnout oder Boreout leidet.
Genau wie Burnout ist auch Boreout keine anerkannte und eigenständige Krankheit, auch wenn sich das in Zukunft möglicherweise ändert.
Vor allem in Jobs mit einfachen oder stark repetitiven Tätigkeiten kann es zu einem Boreout-Syndrom kommen. Wenn ein:e Mitarbeiter:in nicht genug Aufgaben erhält, um damit seinen/ihren Arbeitsalltag zeitlich auszufüllen, spricht man von einer quantitativen Unterforderung. Sind hingegen genügend Aufgaben vorhanden, die aber allesamt als langweilig oder sogar sinnlos empfunden werden, wird dies als qualitative Unterforderung bezeichnet.
Starke Langeweile entsteht häufig auch dann, wenn in einer Tätigkeit kein oder nur sehr geringer Kontakt zu anderen Menschen besteht.
„Langeweile und mangelnde Herausforderungen in der Arbeit können zu massiver Unzufriedenheit und Frustration führen”, sagt Karrierecoach Walter Feichtner.
Mitarbeiter:innen haben das Gefühl, dass ihre Talente und Fähigkeiten für ihren Job nicht notwendig sind. Oft empfinden sie die eigene Tätigkeit als sinnlos. Ein Boreout ist daher vergleichbar mit den psychischen Belastungen von Langzeitarbeitslosen, die ebenfalls aus dem Gefühl der Sinnlosigkeit des eigenen Alltags entstehen.
Boreout ist ein weit verbreitetes Phänomen, welches viele Mitarbeiter:innen in Deutschland in ganz unterschiedlichen Branchen betrifft. Laut einer Studie von Avantgarde Experts aus dem Jahr 2022 sind insgesamt 41 Prozent der Befragten der Meinung, dass ihr Potential im Job nicht ausgeschöpft wird, drei Prozent aller Befragten fühlen sich dauerhaft unterfordert.
Was sind typische Boreout-Symptome?
„Langeweile und Unterforderung können zu körperlichen und psychischen Gesundheitsproblemen führen”, sagt Walter Feichtner.
Eine professionelle Boreout-Diagnose ist mitunter schwierig zu stellen, gerade auch weil die dazugehörigen Symptome in vielen anderen Krankheitsbildern ebenfalls auftauchen. Eine Depression beispielsweise geht in vielen Fällen mit den gleichen Symptomen einher.
Online finden sich zwar auch einige Boreout-Tests, die Testergebnisse sind aber mit Vorsicht zu genießen und liefern stets nur einen ersten Anhaltspunkt. Eine konkrete Diagnose kann nur durch einen Arzt festgestellt werden.
Körperliche Symptome eines Boreout-Syndroms beinhalten:
- Schlafprobleme und Müdigkeit
- Körperliche Schwäche und Anfälligkeit für andere Krankheiten
- Dauernde Erschöpfung
- Kopfschmerzen
- Schwindelgefühl
- Glieder- und Rückenschmerzen
- Tinnitus
Psychische Symptome eines Boreouts beinhalten:
- Motivationslosigkeit im beruflichen und privaten Umfeld
- Gedanken, die die Sinnhaftigkeit von Job und eigenem Leben in Frage stellen
- Unzufriedenheit
- Gereiztheit
„Zu den weiteren psychischen Symptomen eines Boreouts gehören Orientierungs- und Ziellosigkeit, Niedergeschlagenheit bis hin zu Depressionen mit sozialem Rückzug und Angstzustände bis hin zu Panikattacken”, beschreibt Sylvia Annett Bräuning, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Transformationscoach.
Wie entsteht Boreout am Arbeitsplatz?
Boreout entsteht über einen längeren Zeitraum, in dem ein grundlegendes Desinteresse mit dem eigenen Job entsteht. Oft dauert dieser Prozess Monate oder sogar Jahre. Fühlt sich eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter über längere Zeit im Job unterfordert, geht typischerweise das Interesse an der eigenen Arbeit zurück. Manchmal werden Tätigkeiten auch möglichst langsam erledigt, um so die Arbeitszeit zu füllen.
Wenn Mitarbeiter:innen keine oder wenige Aufgaben erhalten oder diese als langweilig empfinden, sinkt zwangsläufig auf lange Sicht die Motivation im Job.
Unmotivierte Mitarbeiter:innen wiederum erfüllen die ihnen zugeteilten Aufgaben nur halbherzig, was dann dazu führt, dass sie von Vorgesetzten nicht für Beförderungen oder andere fordernde Tätigkeitsfelder ausgewählt werden. Daraus kann schnell ein Teufelskreis entstehen, der das Gefühl bestärkt, die berufliche Tätigkeit habe keinen Sinn.
Als Folge lassen sich betroffene Mitarbeiter:innen immer öfter krankschreiben und kündigen innerlich. Ein Boreout ist die mögliche Folge.
Diese innere Kündigung im Zuge eines Boreouts ist übrigens nicht zu verwechseln mit Quiet Quitting. Bei Letzterem erbringen Mitarbeiter:innen ihre Arbeitsleistung weiterhin gewissenhaft, achten dabei aber auf die eigene Work-Life-Balance.
Was macht Boreout im Job so gefährlich?
Zum einen das mangelnde Wissen um die Thematik des Boreouts und der Fehlglaube, dass zu wenig Arbeit kein Stress bedeutet. Zum anderen aber auch, dass die Unterforderung bei den Betroffenen zu Stress führt, welcher schnell in einer starken Abwärtsspirale endet.
Sylvia Annett Bräuning, Transformationscoach
Diese Abwärtsspirale kann beispielsweise so aussehen:
„Ist zu wenig Arbeit da, versuchen Betroffene diese zu strecken, um sich nicht zu langweilen. Damit wird die Unterforderung aber noch weiter verstärkt. Dies führt zu Frustration, welche wiederum psychische und körperliche Auswirkungen hat. Zudem kommt es zu Spannungen mit Kolleg:innen, da Betroffene mit Gereiztheit und schlechter Laune kämpfen. Vorgesetzte wiederum sehen einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin, der oder die nur wenig leistet. Die belastende Zusammenarbeit führt zu noch mehr Frustration und innerlicher Kündigung und erhöhter Krankschreibung, bis hin zur Kündigung des Arbeitnehmers/der Arbeitnehmerin oder durch den Arbeitgeber.”
Ein Boreout hat damit negative Folgen über die einzelnen Mitarbeiter:innen hinaus: „Das nicht erkannte und ungenutzte Potenzial führt nicht nur zu einer Schädigung der Betroffenen und von Kolleg:innen, sondern auch zu wirtschaftlichen Schäden für das Unternehmen.”
Die Folgen eines Boreouts sind unter Umständen über einen sehr langen Zeitraum spürbar, beeinflussen das Privatleben und wirken sich auch negativ auf die weitere Karriere aus.
Wenn jemand dauerhaft unterfordert ist, besteht die Gefahr, dass berufliche Fähigkeiten und Kenntnisse stagnieren. Dies kann langfristig die berufliche Entwicklung beeinträchtigen und auch die weiteren Karrierechancen mindern.
Walter Feichtner, Karrierecoach
Boreout: Was können Sie gegen Unterforderung im Job tun?
Wenn Sie sich in Ihrem Job auf Dauer unterfordert fühlen, sollten Sie als Erstes mit Ihrem Chef oder Ihrer Chefin sprechen. Häufig wissen Vorgesetzte gar nicht, dass bestimmte Mitarbeiter:innen gerne mehr leisten würden.
„Es ist wichtig, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer:innen gemeinsam daran arbeiten, eine herausfordernde und motivierende Arbeitsumgebung zu schaffen, um Boreout zu vermeiden”, rät Walter Feichtner. „Wichtig sind eine funktionierende Kommunikation und regelmäßiges Feedback von beiden Seiten.”
Das Bewusstsein um die Gefahren eines Boreouts ist dabei in den letzten Jahren bereits stark gestiegen.
„Forscher:innen und Expert:innen arbeiten daran, die langfristigen Auswirkungen von Unterforderung und mangelnder Motivation am Arbeitsplatz besser zu verstehen”, sagt Walter Feichtner. „Auch die Unternehmen wissen, dass sie nicht nur darauf achten müssen, Überlastung zu vermeiden, sondern auch sicherstellen sollten, dass ihre Mitarbeiter:innen ausreichend gefordert und motiviert sind. Das wirkt sich sogar positiv auf die Work-Life-Balance aus.”
Falls es in Ihrem aktuellen Job nicht möglich ist, zusätzliche oder anspruchsvollere Aufgaben zu übernehmen, könnte ein Jobwechsel für Sie das Richtige sein.
„Sollte sich im Berufsfeld keine Möglichkeit zur Veränderung bieten, müssen die Betroffenen Konsequenzen ziehen und eine Neuorientierung anstreben”, sagt auch Sylvia Annett Bräuning. „Klären Sie für sich selbst die Frage von Sinn, Zeit und Geld um zu erkennen, was es für Sie persönlich braucht, um glücklich zu sein. Ebenso besteht die Möglichkeit, einen Ausgleich in der Freizeit zu finden.”
Eine Option wäre beispielsweise, ein forderndes Hobby zu beginnen, um so im Privatleben einen Ausgleich zur Unterforderung im Job zu finden.
Wenn die genannten Symptome eines Boreouts bei Ihnen über einen längeren Zeitraum auftreten und keine schnelle Abhilfe durch einen Jobwechsel möglich ist, sollten Sie einen Arzt aufsuchen.
Fazit: Gegen Boreout können Sie etwas tun
Boreout wird, im Gegensatz zum Burnout, noch immer häufig nicht ernst genommen. Allerdings ist in den vergangenen Jahren das Bewusstsein für die Gefahren des Boreouts stark gestiegen und viele Unternehmen arbeiten daran, sowohl eine Über-, als auch eine Unterforderung Ihrer Mitarbeiter:innen im Arbeitsalltag zu vermeiden.
Wenn Sie sich in Ihrem Job permanent unterfordert fühlen, wird es möglicherweise Zeit für etwas Neues. Ihren Traumjob finden Sie über die Glassdoor Job-Suche.
Sylvia Annett Bräuning
Sylvia Annett Bräuning ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und Transformationscoach und hilft Menschen unter anderem dabei, ihre Karriere nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten und den perfekten Job zu finden.

Walter Feichtner
Walter Feichtner ist Dipl.-Kulturwirt und Inhaber von Karrierecoach München. Als Coach und Berater ist er Experte für alle Fragen rund um das Thema Karriere und den Bewerbungsprozess. Außerdem ist er an über 30 Unis und Fachhochschulen als Gastdozent tätig.

Hannes Jarisch
Hannes Jarisch ist Karriere-Experte für den Glassdoor-Blog. Erfahren Sie auf dem Autorenprofil mehr über seine langjährige Erfahrung und bisher veröffentlichte Artikel.



